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1-Wiesbadener-Gespraeche.qxp 27.01.2010 16:30 Seite 36 Healthstyle – Die Gesundheitswelt der ZukunftCorinna Langwieser A. Die Medizinisierung unserer Gesellschaft Auf wenig können sich die Menschen so gut einigen wie auf die hoheBedeutung des Wertes Gesundheit. Gesundheit, das ist eben doch dieAbwesenheit von Krankheit. Die Möglichkeit, ein schmerzfreies, selbst-bestimmtes und energiegeladenes Leben zu führen. Aber nicht nurdas, im 21. Jahrhundert ist Gesundheit zu einem Synonym für das per-sönliche Wohlgefühl und damit Glück geworden.
Wer von sich als einen gesunden Menschen spricht, meint damit auchdie Fähigkeit, sich selbst zu verwirklichen, ein Leben im Vollbesitz sei-ner körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte zu führen. Oderanders gesagt: sich einfach wohlzufühlen – selbst dann, wenn maneigentlich an einer Krankheit leidet. In diesem Sinne meint Gesund-heit eine befriedigende Art zu leben und dieses auch nach außen zutragen. Aus Lifestyle wird Healthstyle.
Waren es früher Besitztümer und Gegenstände, mit denen die Men-schen ihre Persönlichkeit auszudrücken versuchten, so ist es heute derKörper selbst. Seine Gestaltung entspricht unserer Geisteshaltung, seinFunktionieren wird zum Symbol des persönlichen Glücks. Diese Ent-wicklung bleibt nicht folgenlos. „Der eigene Körper wird immer mehrzum Schauplatz des Lebenssinns“, konstatiert der Philosoph NorbertBolz. Wer also kann, investiert wie selbstverständlich in seine Gesund-heit, Schönheit, Fitness, Jugendlichkeit.
Selbst wenn es in der Diskussion um das Gesundheitssystem derZukunft gern vergessen wird, die eigentliche Medizin trägt nureinen relativ geringen Anteil zum Gesundheitszustand der Bevölke-rung bei. Dies untermauern folgende Zahlen: So werden in Deutsch-land knapp 3.000 Euro pro Jahr und Bundesbürger in die medizini-sche Versorgung gesteckt, insgesamt kommt man dadurch aufknapp 11 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Weltweit stehtDeutschland damit an vierter Stelle, nur in den USA, der Schweizund Frankreich ist die Medizin noch teurer. Was jedoch den Gesund-heitszustand der Bevölkerung angeht, belegt Deutschland laut Welt-gesundheitsorganisation Jahr für Jahr bloß einen Platz im Mittel-feld. Es muss also noch andere Komponenten geben, von denen dasWohlgefühl, die Lebensqualität und der tatsächliche Gesundheitszu- 1-Wiesbadener-Gespraeche.qxp 27.01.2010 16:30 Seite 37 stand abhängen – sie lassen sich in der Idee des Healthstyleszusammenfassen.
Healthstyle, das ist ein Lebensstil, in dem Gesundheit eine derHauptrollen spielt. Ein Stil, bei dem den Menschen bewusst ist, dasssie selbst viel dazu beitragen können, gesund zu werden oder zu blei-ben – und dass sie angesichts leerer Gesundheitskassen auch einigesdazu beitragen müssen. Wobei mit Gesundheit nicht nur das kör-perliche Wohlergehen gemeint ist, sondern auch das seelische Wohl-gefühl, die geistige Fitness sowie der große Bereich des individuellenWohlbefindens. Dass dieser Lebensstil immer wichtiger wird, zeigtunter anderem der neueste Gesundheitsreport der Gmünder Ersatz-kasse: Deren Verantwortliche belegen, dass die Menschen immeröfter zum Arzt gehen; im Durchschnitt 18-mal im Jahr, wobei mehrals die Hälfte der Bundesbürger vier oder mehr unterschiedlicheÄrzte konsultieren.
Dieses Streben nach Healthstyle lässt sich nämlich auf den Märktengenauso nachzeichnen wie in den Köpfen der Menschen. Wir habenes hier mit einem tiefgreifenden Wertewandel zu tun, der dafürsorgt, dass die einstige private Sehnsucht nach Gesundheit in einenriesigen, volkswirtschaftlich relevanten und öffentlichen Megatrendverwandelt wird. Wer in der stark diversifizierten BoombrancheGesundheit erfolgreich sein will, sollte darauf reagieren. Sei es alsAnbieter auf dem staatlich organisierten und ständig unterfinan-zierten ersten Gesundheitsmarkt oder als Dienstleister auf demstark wachsenden, aber auch wild wuchernden zweiten Gesund-heitsmarkt. Mit ihrem Bedürfnis nach einem neuen Healthstyle sor-gen die Menschen für stabile Nachfragezuwächse – ob nun alsPatient oder als Kundenpatient, als Gesunder oder als Kranker.
Eine neue, repräsentative Umfrage mit 1.000 Bundesbürgern zwi-schen 14 und 69 Jahren von Trendbüro und dem Marktforschungs-unternehmen Dialego liefert nun auch die quantitativen Fakten zudieser Entwicklung. Auf die Frage, was Gesundheit eigentlich wirk-lich bedeutet, antworten 55 Prozent mit der „Abwesenheit vonKrankheit“, 77 Prozent denken bei Gesundheit an ihr „persönlichesWohlgefühl“ und gut ein Fünftel darüber hinaus an „Schönheit undein attraktives Äußeres“. Der Trend zum Healthstyle ist also durch-aus heute schon greifbar. Er lässt sich auf drei Ebenen nachzeich-nen: 1-Wiesbadener-Gespraeche.qxp 27.01.2010 16:30 Seite 38 I. Die Ebene des Gesellschaftstrends: Alles wird Gesundheit Der demografische Wandel und das Streben der Menschen nachGesundheit und Wohlgefühl – das sind zwei Seiten derselben Medaille.
Denn in einer alternden Gesellschaft ist nichts so attraktiv wie einjugendlicher, fitter, in jedem Fall aber gut funktionierender Körper. Indiesem Sinne kann die vielzitierte Alterung als Motor des MegatrendsGesundheit gelten. Wenn immer mehr Menschen am eigenen Leiberfahren, wie wichtig es ist, sich gesund und gut zu fühlen, wächstautomatisch das Interesse an diesem Thema. Medien, Internet und Kul-tur zeichnen dieses nach. Ernstgemeinte Berichte und Talkrundenüber den Gesundheitszustand sind genauso an der Tagesordnung wieunterhaltsamer Medizin-Pop. Einige Kostproben: Campino von den Toten Hosen bekennt im „Spie-gel“-Interview, dass er sich vor allem deshalb für die Darmkrebsvor-sorge einsetzt, weil seine beiden Eltern an der Krankheit gestorbensind; die Aktionäre von Apple machen sich solche Sorgen um denGesundheitszustand des Firmengründers Steve Jobs, dass dieser sichzur öffentlichen Präsentation seiner Blutdruckwerte verleiten lässt;und die britische „Big Brother“-Bewohnerin Jade Goody fand es nochnicht einmal besonders erwähnenswert, dass sie vor laufenderKamera von ihrer Krebserkrankung erfährt: „Ich habe mein Lebenvor Kameras gelebt. Und vielleicht werde ich vor Kameras auch ster-ben“, führte die 27-Jährige aus, die Ende März 2009 ihrer Krankheiterlag.
Auch die digitalen Medien, allen voran das Internet, haben unser Ver-hältnis zum Thema Gesundheit gravierend verändert. „Der Patient istinteressierter und informierter als früher“, heißt es im „DeutschenÄrzteblatt“. Wobei man diese Entwicklung sowohl positiv als auch kri-tisch beurteilt, verändert sich dadurch schließlich das Patient-Arzt-Ver-hältnis. In den USA wurde zudem schon beobachtet, dass die Anfragen,die die Patienten im Netz stellen, Aufschluss darüber geben, wie sichregionale Epidemien wie etwa die Grippe ausbreiten. Wenn viele Men-schen in einer Region Begriffe wie „Husten“, „Fieber“ oder „Grippe-symptome“ in Google Flu Trends eingeben, lässt sich die Ausbreitungerstaunlich zuverlässig vorhersagen – und zwar wesentlich früher, alsdie offiziellen Stellen dies können.
Wer will, kann sich rund um die Uhr mit nichts anderem als demThema Gesundheit befassen. Klar, dass diese Entwicklung mancheBlüte treibt, mancher Prominenter es mit seinem Einsatz rund um 1-Wiesbadener-Gespraeche.qxp 27.01.2010 16:30 Seite 39 den eigenen Gesundheitszustand oder den anderer ein wenig über-treibt, wenn er sich etwa von einem Kamerateam zum Arzt begleitenlässt. Nicht nur unsere Medienwelt wird medizinisiert, sondern auch immermehr eigentlich gesellschaftliche Aufgaben von der Kindererziehungbis zur Ernährungsberatung. So steigt unter anderem der Anteil dersechsjährigen Kinder, die entweder eine Sprach- oder eine Ergothera-pie erhalten, seit Jahren an und liegt inzwischen bei rund 20 Prozent.
Alles wird Gesundheit, und sogar um das Thema Hygiene ist ein riesi-ger Hype entstanden. Wobei auch die Hygiene sowohl ernsthaft als auch popmedizinisch dis-kutiert wird. Da erfahren wir, dass der Anteil der häufigsten antibio-tikaresistenten Erreger in deutschen Krankenhäusern, der methicillin-resistente Staphylococcus aureus, innerhalb der vergangenen 20 Jahrevon 2,4 auf 23 Prozent angestiegen ist; aber auch, wer Madonnas Büh-nensocken wäscht, so sie denn überhaupt welche anhatte (aus demBuch „Das rockige Waschbuch“, Kunstanstifter Verlag, 2009). Und bis-weilen verblüfft auch die Ärzteschaft mit ihrer realistischen Einschät-zung der Dinge: „Wir müssen uns den Fernsehärzten in deren positi-ven Eigenschaften anpassen“, behauptet der Mediziner und Kommuni-kationswissenschaftler Dr. med. Kai Witzel, Leiter eines Zentrums fürminimalinvasive Chirurgie in Hünfeld. In besserer Kommunikationund mehr Fürsorge für den Patienten sieht er einen Marketingvorteilfür Krankenhäuser, die im Wettbewerb um Patienten bestehen müs-sen.
II. Die Ebene der Konsumententrends: Das optimierte Ich als Wer sich gesund und gut fühlen möchte, muss sein Schicksal in dieeigene Hand nehmen. Self Design ebnet den Weg zum eigenen Health-style, und das schließt klassische Gesundheitsvorsorge ebenso mit einwie zeitgemäße Medical Wellness. In unserer gesundheitsorientiertenZeit kann sich jeder Mensch aus einem breit gefächerten Angebot dasfür ihn Passende aussuchen. Denn egal, ob es sich um Freizeitange-bote, die Ernährung oder Kosmetik, ja sogar technische Gadgets oderdas eigene Zuhause handelt: Alles kann heute gesund machen, nichtsdarf der Gesundheit schaden. Die Umsätze in diesen gesundheitsasso-ziierten Branchen sind gigantisch und werden in den nächsten Jahrenweiter ansteigen.
1-Wiesbadener-Gespraeche.qxp 27.01.2010 16:30 Seite 40 Dabei ist es beispielsweise in der Foodbranche gar nicht mehr so leicht,die eigene gesundheitsfördernde Wirkung zu vermitteln (Stichwort:„Health-Claims-Verordnung“) und selbstverständlich ist der Konkur-renzkampf in diesem Segment groß. Nur 34 Prozent der Männer inDeutschland ernähren sich bewusst, aber immerhin knapp 70 Prozentder Frauen, das ergab eine aktuelle Nestlé-Studie. So ist zu erklären,dass etwa die internationale Beratungsfirma Mintel damit rechnet,dass in Zukunft immer mehr Nahrungsprodukte Gesundheit undSchönheit versprechen werden – und darüber hinaus vielleicht nochWachsamkeit und Selbstsicherheit.
Das deckt sich mit den Erkenntnissen, die man bei der DAK im„Gesundheitsreport 2009“ gewonnen hat: Demnach haben es 2 Millio-nen Bundesbürger schon einmal mit einem Healthstyle-Pharmazeuti-kon versucht, um ihr eigenes Wohlgefühl und vor allem die Leistungam Arbeitsplatz zu verbessern. Frauen greifen dabei vor allem zu Mit-teln gegen Unsicherheit und depressive Verstimmungen, Männer ver-suchen hingegen ihr Schlafbedürfnis, Hunger und Durst auszuschal-ten und dopen sich etwa mit Methylphenidat oder Modafinil. Risikenund Spätfolgen werden dabei immer öfter bewusst ausgeblendet. Werkeinen Arzt findet, der ihm die Mittel verschreibt, wird in internatio-nalen Online-Apotheken schnell fündig.
„Einige Aspekte der modernen Arbeitswelt und das propagierte – undoffenbar auch beliebte – Konsum- und Freizeitverhalten konterkarie-ren einen gesundheitsbewussten Lebensstil“, führt Psychiater Dr. med.
Norbert-Ullrich Neumann von der Donau-Ries-Klinik Donauwörth aus.
Er verweist darauf, dass es für die gegenwärtig kurativ orientierteGesundheitsindustrie zudem gefährlich wäre, würden alle Menschendie Vorgaben eines gesundheitsbewussten Lebensstils beherzigen. Oderanders ausgedrückt: Gut, dass eben doch nicht alle Ratschläge befolgtwerden, sonst wäre es schnell vorbei mit dem Megamarkt Gesundheit.
Denn egal um welches Produkt oder welche Dienstleistung es sich han-delt: Wer den Patientenkunden hilft, ihren eigenen Healthstyle auszu-leben, sich gesund und fit zu fühlen, wird sich über eine wachsendeNachfrage freuen können. Die Bereitschaft, selbst etwas an seinem Aus-sehen, seiner körperlichen, geistigen und seelischen Verfassung zu ver-ändern, wird weiter ansteigen – sei es mithilfe von Pharmazie, Sport,Reisen, Telemedizin, Prophylaxe, Nutricosmetics oder anderem. Man-cher Mediziner, wie der Italiener Umberto Scapagnini, meint unter-dessen bereits den Stein der Weisen gefunden zu haben. Wenn seinPatient sich an seine ausgeklügelte Kombination aus Diät, Fitnesstrai- 1-Wiesbadener-Gespraeche.qxp 27.01.2010 16:30 Seite 41 ning, Vitamin- und Aminosäureneinnahme halte, könne er 120 Jahrealt werden, so der Arzt. Damit hätte Silvio Berlusconi nicht weniger als48 Jahre noch vor sich.
III. Die Ebene der Branchentrends: Die alten Leistungserbringer in der neuen Die klassischen Gesundheitsdienstleister beobachten diesen wachsen-den Wellness-assoziierten zweiten Gesundheitsmarkt mit Argwohn:Sie erleben, dass die Patienten mit neuen Erwartungen und neuemSelbstbewusstsein in ihre Praxen, Kliniken oder Apotheken kommen,dabei viel fordern, aber wenig zu geben bereit sind. Doch es führt keinWeg zurück: Der aufgeklärte Patient stellt die Zukunft dar. Es gilt,seine Bereitschaft zur Eigenverantwortung sowie zu einer Verbesse-rung des eigenen Gesundheitszustandes und des individuellen Wohl-gefühls konstruktiv zu begleiten.
Zumal sich in den hinzugewonnenen Tätigkeitsfeldern viel mehr Gelderwirtschaften lässt als mit der oftmals mühsamen Bekämpfung her-kömmlicher Alltagsleiden. Die Medizin selbst ist es, die neue Begehr-lichkeiten weckt. Die immer lauteren Jubelschreie über neue Behand-lungsmethoden und pharmazeutische Blockbuster nähren die Illu-sion, ein Leben gänzlich ohne Krankheiten sei nicht nur möglich, son-dern auch erstrebenswert. Allerdings ist diese Kritik schon so alt wiedas Erbe des Hippokrates selbst. Immer schon waren die innovativstenForscher mit dem Vorwurf konfrontiert, sie würden sich zum Herrnüber Leben und Tod aufschwingen.
An dieser Front zumindest ist mit zunehmender Sensibilisierung unddem wachsenden Selbstbewusstsein auf Seiten der Patienten etwasmehr Ruhe eingekehrt. Es herrscht die Devise vor, die Bedürfnisse desaufgeklärten Patientenkunden, seine Vorstellungen von einem erfüll-ten und lebenswerten Leben zu respektieren – auch wenn man damitwie etwa derzeit in der Sterbehilfedebatte an seine ethischen Grenzenstößt. Die Aufgabe des Arztes ist es, in der Gesundheitswelt derZukunft zunehmend nicht nur zu heilen, sondern auch sicherzustel-len, dass der Patient wirklich so aufgeklärt ist, wie ihm das allwissendeInternet vorgaukelt.
Trotz finanzieller und staatlicher Reglementierung geht es alsodarum, die Herausforderung zu Markenbildung und Kundenbindunganzunehmen – selbst wenn dabei so mancher Zopf abgeschnitten wer- 1-Wiesbadener-Gespraeche.qxp 27.01.2010 16:30 Seite 42 den muss. Patienten dürfen als Patientenkunden begriffen werden,weil sie sich selbst so begreifen – auch die kranken. Krankenhäuser,Arztpraxen, medizinische Zentren und Apotheken, aber genauso Kran-kenkassen und Krankenversicherungen müssen sich als Gesundheits-marken positionieren, die im Wettbewerb zueinander und gleichzeitigzu alternativen Anbietern stehen. Das Patient-Arzt-Verhältnis mussdamit ebenfalls auf den Prüfstand kommen. Das Verhältnis ändere sich automatisch, wenn Denkmuster aus derGeschäftswelt auf die Medizin übertragen würden, heißt es etwa ineiner neuen Harvard-Studie. „Empathie, Kooperation und Kollegialitätbleiben auf der Strecke, wenn Medizin mit dem Preisschild betriebenwird“, kritisieren die verantwortlichen Forscher Pamela Hartzbandund Jerome Groopman. Die Lösung für dieses Problem sehen sie ineinem gänzlich altmodischen Ansatz: mehr Zeit für Zuwendung, Zuhö-ren und Trost. Dinge also, die, selbst bezahlt, immer häufiger auf demzweiten Gesundheitsmarkt mit seinen Massagen oder zusätzlichenVorsorgeuntersuchungen angeboten werden. Doch sie sind auch imersten Gesundheitsmarkt zu realisieren. Mit einer Mischung aus spezi-alisiertem Fachwissen und einer hohen Kundenpatienten-Orientie-rung funktionieren viele der medizinischen Versorgungszentren, wiezum Beispiel das „Mammazentrum Hamburg“, ausgesprochen gut.
Dieses arbeitet wirtschaftlich und menschlich zugleich – inklusivebegleitender Psychotherapie und Nachsorge für die Krebspatientinnen.
Die Aussichten und die Stimmung mögen schlecht sein, die Qualitätdes deutschen Gesundheitswesens ist dennoch unverändert gut.
B. Healthstyle auf dem zweiten Gesundheitsmarkt Diese Analyse macht deutlich: Die größten Veränderungen in derGesundheitswelt der Zukunft gehen von den Patienten aus. Ihr Willezur Eigenverantwortung, ihr Interesse an dem Thema Gesundheit undihre Bereitschaft zu Investitionen in diesem Segment sind es, die nichtnur den Medizinmarkt boomen lassen, sondern auch die alten Gren-zen zwischen dem ersten und dem zweiten Gesundheitsmarkt aufwei-chen. Während der eine – staatlich und umlagenfinanzierte – durchKostensenkungsbestrebungen und Ängsten vor der Zwei-Klassen-Medi-zin bestimmt wird, erleben wir auf dem zweiten – dem privat finan-zierten – seit Jahren stabile Zuwachsraten und eine selbstverständlicheAkzeptanz marktwirtschaftlicher Prinzipien. Dort, wo sich die Men-schen auf ihre Vollkaskomentalität besinnen, darf es keine Leistungs- 1-Wiesbadener-Gespraeche.qxp 27.01.2010 16:30 Seite 43 unterschiede geben, da wo sie selbst zahlen, werden Differenzen selbst-verständlich akzeptiert. Wie groß der zweite Gesundheitsmarkt inzwischen geworden ist, zeigtein weiteres Ergebnis der Trendbüro/Dialego-Marktforschung-Umfragezum Thema Healthstyle: Demnach stecken 88 Prozent der Deutscheninzwischen bewusst selbst Geld in den Erhalt ihrer Gesundheit, dieeinen mehr, die anderen weniger. Das summiert sich dann auf derzeit38 Milliarden Euro im Jahr, rechnet man bei Roland Berger aus undprophezeit für die nahe Zukunft jährliche Wachstumsraten von mehrals 5 Prozent. Ein nicht unerheblicher Teil dieses Geldes wird dabeiauch in selbstbezahlte Arzneien gesteckt. Für eine Mehrzahl von knapp70 Prozent aller Bundesbürger ist es inzwischen selbstverständlich,sich selbst Medikamente zu besorgen und nicht mehr generell zumArzt zu gehen, wenn ihnen etwas fehlt. Das betonen die Forscher beimInstitut für Demoskopie Allensbach – obschon der Arzt noch immerdie Vertrauensperson Nummer 1 in allen Gesundheitsfragen der Deut-schen ist, wie die Trendbüro-Healthstyle-Umfrage ergeben hat. Dennauch wenn das ethisch noch umstritten ist, auch im Pharmasegmentstellt das Prinzip des Self Designs und der Lebensstil Healthstyle einenriesigen Nachfragemotor dar. C. Pharmazie für eine optimierte Gesellschaft Bei praktisch jedem gibt es schließlich etwas zu optimieren: „Die Unsi-cheren nehmen Antidepressiva, die Unkonzentrierten Ritalin, die Lee-ren Modafinil, die Blutarmen Epo.“ Was hier im „KulturSpiegel“ (6/09)dargestellt wurde, ist eine Gesellschaft, in der sich kaum noch jemandeine Abweichung von der Norm erlauben kann. Eine Gesellschaft,deren Mitglieder wissen, dass sie selbst für das Erreichen ihrer Zieleverantwortlich sind. Glücklich ist, wer Erfolg hat. Erfolg hat, wergesund, fit und schön ist. Aber leben wir wirklich schon in einer sol-chen Gesellschaft? Unbestritten ist, dass der Umgang mit Pharmazie heute selbstver-ständlich geworden ist. Wer Kopfschmerzen hat, nimmt eine Tablette,wer erkältet ist, kauft sich Hustenstiller und Nasenspray, und wergesund bleiben möchte, greift zum Vitaminpräparat. Die Zeit istknapp, einen Leistungsausfall kann sich niemand mehr leisten. Ausdemselben Grund werden übrigens heute auch Genussmittel konsu-miert. Kaffee soll wach machen, Schokolade entspannen, Rotweinmüde machen – das war zwar schon immer so, aber erst in unserer 1-Wiesbadener-Gespraeche.qxp 27.01.2010 16:30 Seite 44 modernen Leistungsgesellschaft machen es sich die Menschen wirk-lich bewusst, was sie warum konsumieren. Und selbst wenn bei jedersportlichen Großveranstaltung wieder Dopingsünder entlarvt werdenund die Diskussion über die Ethik der Leistungsoptimierung neu ent-facht wird – dass ein Kosmetikkonzern sein Koffein-Haarwuchssham-poo mit dem Slogan „Doping für die Haare“ bewirbt, daran stört sicheigentlich niemand mehr.
Denn irgendwie haben wir uns alle längst an den Zwang zur Eigenop-timierung gewöhnt. Self Design beginnt bei der Suche nach einer Fri-sur, die zum eigenen Typ passt, bei der Auswahl von Kleidung oderMake-up, beim Work-out im Fitnessstudio. Warum also sollte inZukunft nicht auch die Optimierung der eigenen Performance – vomKonzentrationsvermögen über die Präsentationsfähigkeit bis hin zurgedanklichen Merkfähigkeit oder auch schlicht zur Optimierung deseigenen Schlafs, der eigenen Erholung – mittels Pharmazie zu einerSelbstverständlichkeit werden? Weil Medikamente den Kranken vorbe-halten sein sollen, sagen diejenigen, die es sich leichtmachen wollen.
Doch wo fängt die Krankheit an? Wenn das eigene Wohlgefühl beein-trächtigt wird? Oder doch erst, wenn bestimmte Krankheitsparametererreicht werden? „Letztlich beruht die Unterscheidung zwischen Therapie (die Behand-lung von Kranken) und Doping (der Leistungssteigerung von Gesun-den) auf dem scheinbaren Gegensatz von ,gesund‘ und ,krank‘. Dochder Begriff ,krank‘ ist keineswegs eindeutig“, wendet man bei „Psycho-logie Heute“ ein. Das Magazin empfiehlt stattdessen bei der Beurtei-lung der Frage, wann die Anwendung von optimierenden Medikamen-ten akzeptabel sei, die vier medizinethischen Leitlinien von Tom Beau-champ und James Childress. Diese sehen das Prinzip des Wohltuns, dasPrinzip des Nichtschadens, das Prinzip des Respekts der Selbstbestim-mung und das Prinzip der Gerechtigkeit vor. Erwachsene, die sich imVollbesitz ihrer geistigen Kräfte dafür entscheiden, an ihrer körper-lichen, seelischen oder geistigen Verfassung etwas mittels selbstbezahlter Pharmazie zu optimieren – und sei es mit Mitteln, die eigent-lich zur Bekämpfung von Krankheiten entwickelt wurden –, unddenen es dabei gutgeht, sollten demnach eigentlich den Segen sowohlder Medizinethiker als auch ihrer Mitbürger haben.
Problematisch könnte dabei künftig höchstens das letzte Prinzip, dasder Gerechtigkeit, werden. Denn natürlich haben nicht alle Menschendie gleichen Chancen, den gleichen Zugriff auf die selbst optimieren-den Stoffe. „Ähnliche Ungleichheiten bestehen zwar auch woanders: 1-Wiesbadener-Gespraeche.qxp 27.01.2010 16:30 Seite 45 Nur Wohlhabende können sich Sprachkurse im Ausland oder denBesuch im Wellness-Hotel leisten“, sagt Bettina Schöne-Seifert, Profes-sorin für Medizinethik an der Universität Münster. „Doch scheint derprivilegierte Griff zu Psychopharmaka besonders ungerecht, wenn erdazu dient, gewissermaßen anstrengungslos in Prüfungen besser abzu-schneiden oder sich am Arbeitsplatz Vorteile zu verschaffen.“ Dazu kommt: Wem es am nötigen Kleingeld zur Finanzierung seinesNeuro-Enhancements fehlt, der wird unter Umständen versucht sein,diese auf dem boomenden Schwarzmarkt im Internet zu beschaffen.
Und dort Gefahr laufen, an wirkungslose oder sogar gefährliche Fäl-schungen zu geraten. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dassvon den über das Internet vertriebenen Medikamenten mehr als dieHälfte gefälscht sind. Und gerade der Zweig der wachsenden Health-style-Präparate dürfte dafür besonders anfällig sein, schließlich findensich hier viele der pharmazeutischen Blockbuster. Mit Betarezeptoren-blockern etwa, mit denen in Deutschland jährlich mehr als 700 Milli-onen Euro Umsatz generiert werden und die auch bei gesunden Patien-ten die Herzschlagfrequenz senken und damit Nervosität abbauen hel-fen; mit Antidepressiva, die stimmungsaufhellend und aktivierendwirken und rund 500 Millionen Euro Umsatz einfahren; oder mitPsychostimulanzien, die den Antrieb steigern, sich als Wachmachereinsetzen lassen und mit denen bei uns ein Umsatz von rund 75 Milli-onen Euro generiert wird.
„Gesunde Menschen haben offenbar immer weniger Hemmungen, zuMedikamenten zu greifen, um sich kurzfristig einen Vorteil zu verschaf-fen. Selbst dann, wenn man über die Spätfolgen noch nichts weiß. DerVorteil scheint mehr zu wiegen, die Angst des Flötisten vor dem Solo grö-ßer zu sein. Es ist die gleiche Angst, die den Banker im Handelsraum tag-täglich verfolgt, den angehenden Juristen im Staatsexamen und inzwi-schen auch Studenten der Germanistik und Kunstgeschichte erfasst hat“(KulturSpiegel 6/09). Laut einer Forsa-Umfrage leidet sogar schon jederzweite Schüler zwischen 12 und 18 Jahren an Stresssymptomen wie Ner-vosität, Kopf- oder Bauchschmerzen. 12 Prozent der überlasteten Kindernehmen deshalb bereits Medikamente ein, allen voran Ritalin (oder einKonkurrenzprodukt mit dem Wirkstoff Methylphenidat), deren Herstel-ler sich seit einigen Jahren bereits über gigantische Verschreibungs-Stei-gerungsraten freuen können. Doch eigentlich beginnt das Problem schonviel früher. Jedes vierte Kind unter acht Jahren in Deutschland wurde 1-Wiesbadener-Gespraeche.qxp 27.01.2010 16:30 Seite 46 bereits schon einmal von einem Logopäden, Ergotherapeuten oder Kin-derpsychologen behandelt. Die Eltern versuchen auch beim eigenenNachwuchs zu optimieren, was vermeintlich nicht zur Norm passenkönnte. In den USA wurde nun ein fettsenkendes Statin für die Behand-lung von Achtjährigen zugelassen. Amerikanische Mediziner empfehlendiese Behandlung als Prophylaxemaßnahme gegen Herzerkrankungenim Erwachsenenalter.
Dieses letzte Beispiel zeigt, dass wir mit der pharmakologischen Ver-besserung längst noch nicht das Ende der Fahnenstange erreichthaben. Eine neue Studie, ebenfalls aus den USA, empfiehlt nun auchscheinbar Gesunden, dauerhaft Medikamente einzunehmen, die denCholesterinspiegel senken sollen. An der University of Virginia wirdderzeit eine Anti-Gebrechlichkeits-Pille getestet, die die Muskelmassean Armen und Beinen bei Patienten ab 60 Jahren wachsen lassen sollund so dazu beitragen könnte, dass die Menschen im Alter längermobil und unabhängig sind. Und in den Pipelines der Brain-Pharma-firmen befinden sich Mittel, die die kognitive Leistungsfähigkeit desalternden Menschen verbessern helfen könnten, also sowohl bei mil-der Altersvergesslichkeit als auch bei echten hirndegenerativenErkrankungen zum Einsatz kommen könnten. Auch das Gen-Dopingals sicheres Verfahren rückt in greifbare Nähe. Die Entwickler träumendavon, die DNA menschlicher Körperzellen dauerhaft manipulieren zukönnen. Was das für die Anti-Doping-Kommissionen bedeuten würde,vermögen wir heute noch gar nicht richtig abzuschätzen.
Denn auch im Sport sprengt der Optimierungswille ständig neueGrenzen: Immer mehr Spitzensportler werden des Missbrauchs verbo-tener Substanzen überführt, und wer nicht dopt, verbessert seine Leis-tung zumindest mit der Einnahme von Schmerzmitteln. Einer neuenUntersuchung zufolge griff etwa bei den Fußballweltmeisterschaften2002 und 2006 mehr als die Hälfte aller Spieler mindestens einmal zuSchmerzmitteln, jeder dritte vor jedem Spiel. „So sind die Pillenscheinbar idealer Begleiter für Leistungssportler, damit sie trotz Ver-schleiß und Überbelastung nicht vorzeitig schlappmachen“, heißt esim „Spiegel“ (43/08). Mögliche Neben- oder Langzeitwirkungen werdenausgeblendet. Kein Wunder, dass laut Studien der Universität Tübin-gen auch im Freizeitsport etwa jeder zehnte Kunde deutscher Fitness-studios verbotene Dopingmittel einnimmt. Das wären rund eine halbeMillion Menschen, etwa die Hälfte von ihnen nimmt diese Mittel regel- 1-Wiesbadener-Gespraeche.qxp 27.01.2010 16:30 Seite 47 mäßig. „Das Ideal der Optimierung erlaubt nicht, dass der Körperseine natürliche Zeit braucht, gesund zu werden oder sich zu entwi-ckeln, Muskeln aufzubauen oder zu denken“, bringt es der „Kultur-Spiegel“(6/09) auf den Punkt.
Und wer nun glaubt, bei dieser Strategie des Self Designs handele essich um ein Problem des narzisstischen Selbstdarstellers, wie er in denFitnessstudios häufig anzutreffen sei, der irrt. Bei einer Online-Befra-gung unter Akademikern durch das amerikanische Fachmagazin„Nature“ gab ein Fünftel an, tatsächlich regelmäßig zu Mitteln zu grei-fen, mit denen sich Konzentrationsfähigkeit und Wachheit steigernlassen. Besonders häufig kommen dabei Mittel aus drei Medikamen-tengruppen zum Einsatz: Zwei Drittel der müden Denker greifen zumWirkstoff Methylphenidat (Ritalin); 44 Prozent bevorzugen den Wirk-stoff Modafinil, der zur Therapie von Narkolepsie entwickelt wurdeund unter anderem den Jetlag verhindern hilft und 15 Prozent greifenzu Betablockern als Mittel gegen Lampenfieber. Gern wird auch eineKombination dieser Präparate genommen. „Kaum ein Konzernchef, lei-tender Angestellter, Manager und erst recht kein Politiker, der nichtmit Betablockern, Kalzium-Antagonisten, ACE-Hemmern oder Choles-terin-Senkern unterwegs ist“, behauptet man in der „SüddeutschenZeitung“ (14./15.7.2008).
Die Folgen, die das massenhafte Doping noch nach sich ziehen wird,lassen sich heute erst in Ansätzen abschätzen. Da sich das Neuro-Enhancement auf das Gehirn als Organ des Bewusstseins auswirkt,beeinflusst es eben nicht nur die Funktion, sondern auch die perso-nale Identität des Einzelnen. Und in einer derartig optimierten Gesell-schaft wächst die Gefahr, dass die Leistungen der nicht „verbesserten“Personen als unterdurchschnittlich angesehen werden, was eine wei-tere Medikalisierung von eigentlich soziologischen Herausforderun-gen nach sich ziehen würde. Hoffen wir also darauf, dass es wiedereinen Backlash gibt. In den vergangenen Monaten wurde eindrucksvollbewiesen, dass auch die „Super-Optimierten“ unserer Wirtschaftselitezu groben Fehlern und Selbstüberschätzungen neigen. Vielleicht führtdas ja dazu, dass Psychopharmaka, Antidepressiva und Co. wieder ver-mehrt dort eingesetzt werden, wo sie wirklich gebraucht werden: beiden Patienten mit Depressionen oder Aufmerksamkeitsstörungen, beidenen, die an Narkolepsie oder Demenzerkrankungen leiden. Und viel-leicht profitieren zur Abwechslung ja mal diese Patienten von denunzähligen Selbstversuchen, bei denen eigentlich gesunde Menschenfür ihr pharmakologisches Neuro-Enhancement zu den verschrei-bungspflichtigen Stoffen gegriffen haben.
1-Wiesbadener-Gespraeche.qxp 27.01.2010 16:30 Seite 48 F. Gedächtnisleistung und Potenz als wichtigste Von allen westlichen Nationen sind es die Deutschen, die die größteAngst vor degenerativen Hirnerkrankungen haben. Das hat eine Studievon Roper Consulting, der amerikanischen Tochter der NürnbergerGesellschaft für Konsumforschung, ergeben. Brain-Pharmazie und Sex-Pharmazie, das sind die beiden wichtigsten Bereiche der Healthstyle-Medizin von morgen. 70 Prozent aller Bundesbürger sorgen sich umihr Gedächtnis, so das Ergebnis von Roper Consulting. Das sind mehrals in allen anderen befragten 30 Ländern. Und noch einen Spitzen-platz gibt es zu vermelden. Von allen Nationen machen sich die Deut-schen die größten Sorgen rund ums Alter. Während nur 43 Prozentaller Befragten mit den Jahren Einschränkungen ihrer Aufmerksam-keit befürchten, sind es in Deutschland 70 Prozent. Nicht mehr als 33Prozent insgesamt teilten darüber hinaus die Sorge, im Alter körperli-che Schmerzen erleiden zu müssen, in der Gruppe der befragtenBundesbürger lag dieser Wert deutlich höher, bei 54 Prozent.
Kein Wunder also, dass der Healthstyle-Pharmazie, die dazu beitragenkann, dass wir länger jung, konzentriert und potent bleiben, bei unseine weiterhin steile Karriere bescheinigt wird. Mit noch nicht abseh-baren Folgen: „Viele Verwender von Lernpillen nehmen stark ab. Tief-schlafmangel führt zu schweren körperlichen Problemen. Es gibtAbhängigkeiten wie bei Drogen“, warnt Dr. Isabella Heuser von der Ber-liner Charité, die im Auftrag der Techniker Krankenkasse an einer wei-teren Studie zur Verbreitung dieser leistungssteigernden Mittel inDeutschland arbeitet. Erstes Zwischenergebnis: Jedes zehnte für Stu-denten verschriebene Medikament ist ein Psychopharmakon. „DieseMittel wirken nicht mehr nur dämpfend wie früher, sondern vor allemauch stimulierend“, erläutert Pharmaforscher Prof. Gerd Glaeske vonder Uni Bremen. Und Forscherin Heuser führt aus: „Lernpillen machenGesunde nicht schlauer. Schulische und studentische Leistungen sindkomplexer als Vokabellernen. Man kann mit Dopamin und anderenStoffen nur kurzfristig Leistungen steigern, in sehr begrenztemBereich.“ So werden sich also auch noch alle diejenigen etwas gedulden müssen,die ihrem im Alter nachlassenden Gedächtnis mittels Pharmazie etwasentgegensetzen möchten. Zwar wird eifrig geforscht, etwa im Teamum Medizinnobelpreisträger Eric Kandel, der an einem Stoff mit demNamen MEM1414 arbeitet, der die Produktion bestimmter Eiweißeanregen und das Erinnerungs- und Lernvermögen ankurbeln soll, und 1-Wiesbadener-Gespraeche.qxp 27.01.2010 16:30 Seite 49 dessen Firma Memory Pharmaceuticals vor wenigen Monaten vomPharmakonzern Roche/Genentech übernommen wurde. Den derzeitbereits von Alzheimer und anderen hirndegenerativen ErkrankungenBetroffenen wird das aber wohl nichts mehr nutzen. 50 Prozent allerüber 90-Jährigen sind bei uns an einer Demenz erkrankt, unter den 80-bis 90-Jährigen ist es ein Viertel, bei den 75- bis 79-Jährigen erst 12 Pro-zent. Alzheimer und Co. sind also absolute Erkrankungen des Alters,und mit dem weiteren Voranschreiten des demografischen Wandelswird sich diese Problematik noch gehörig verschärfen. Die Bundes-ärztekammer prognostiziert, dass im Jahr 2050 rund 10 MillionenMenschen 80 Jahre oder älter sein werden. Heute sind es gerade einmal3 Millionen. Voraussichtlich 2 Millionen Menschen werden dann zu denDemenzkranken zu zählen sein, von denen ein Großteil an Alzheimerleidet. Medikamente, die diese Krankheit wirksam aufhalten oder garverhindern helfen, werden mit Sicherheit zu Blockbustern avancieren.
Genauso wie es im Bereich der Potenzpillen, einem anderen großenHealthstyle-medizinischen Anwendungsbereich, bereits geschehen ist.
Ein weiteres wichtiges altersassoziiertes Gesundheitsproblem istschließlich das der Potenz, die bereits ab dem 40. Lebensjahr nachlas-sen kann. 20 Prozent der Männer leiden an erektiler Dysfunktion, wiedie Impotenz seit ihrer Destigmatisierung durch die Potenzpillengenannt wird. Das behauptet zumindest der wichtigste Potenzmittel-hersteller, Pfizer. Glaubt man den Analysen von Bayer, einer der beidenHersteller eines Konkurrenzproduktes, mit seinem Levitra, dann lei-den 40 Prozent der Männer ab 40 Jahren zumindest an leichten Erek-tionsstörungen. Das aber stellt in vielen Fällen heute wirklich kein Pro-blem mehr dar. Die Potenzpillen Viagra, Levitra und Cialis helfen derMehrzahl der Männer, ihre erektile Dysfunktion stunden- oderwochenendweise zu vergessen.
Aber auch derjenige, bei dem alles in Ordnung ist, „kann die Anzahlder Erektionen bei entsprechender Medikation steigern“, heißt es aufder Website von Viagra. Für den Gesundheitsexperten Prof. Dr. GerdGlaeske ist das ein Zeichen dafür, wie sehr die Pharmabranche bereitsjenseits von Krankheiten mit lukrativer Lebenshilfe Geld verdienenwill. „Wünsche werden über die Pillendose befriedigt“, sagt Glaeske. Esgehe darum, „immer jung, immer fit, immer allzeit bereit“ zu sein.
Immerhin 35 Millionen Menschen weltweit haben Viagra bereitsgenommen, eine Million davon in Deutschland. Dem Hersteller Pfizerbrachte das allein im Jahr 2007 einen Umsatz von 1,8 Milliarden US-Dollar ein, mit Cialis wurden zusätzlich noch einmal 1,2 Milliarden,mit Levitra 517 Millionen US-Dollar generiert. Und der Markt wird 1-Wiesbadener-Gespraeche.qxp 27.01.2010 16:30 Seite 50 weiterhin wachsen. Nicht nur, weil in wenigen Jahren der Patent-schutz für Viagra auslaufen wird und dann Generika auf den Marktdrängen werden, die einen ganz neuen Preiskampf, aber auch Umsatz-schub auslösen werden, sondern schon allein deshalb, weil in eineralternden Gesellschaft immer mehr Menschen nach einem Weg zurOptimierung ihres Sexuallebens suchen werden.
Der Umgang mit Healthstyle-Pharmazeutika und Neuro-Enhancernwird in Zukunft jedenfalls noch selbstverständlicher werden. „In einerextremen Leistungsgesellschaft dürfen auch sexuell gesunde Männerniemals versagen“, heißt es im „Deutschen Ärzteblatt“ (Jg. 105, 13/08);und vom Institut für Ethik und Geschichte in der Medizin an der Uni-versität Tübingen bestätigt Matthias Synofzik: „Die Bereitschaft zumNeuro-Enhancement wächst, je leichter die Medikamente anzuwendensind und je weniger Nebenwirkungen sie haben.“ Und genau an dieserOptimierung der Optimier-Mittel wird mit Hochdruck gearbeitet.
Wem das alles aber trotzdem noch zu kompliziert und zu teuer ist, derkann sich zumindest im Falle der Potenzmittel auch an ein weiteresaustralisches Angebot halten: Ein Unternehmer bietet hier Austern an,die mit Sildenafil gefüttert werden. Zumindest dieser Genuss dürftemit Einführung neuer Viagra-Generika deutlich preisgünstiger wer-den.

Source: http://www.wiesbadenergespraeche.de/bilder/tagungsband/WiesbGespr2010_Langwieser.pdf

Http://www.theheart.org/article/1553207/print.do

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Australasian

Remember the Side Effects of Haloperidol: A Case Report G. F. ALVAREZ, G. A. SKOWRONSKI Department of Intensive Care, The St George Hospital, Kogarah, NEW SOUTH WALES ABSTRACT An eighteen-year-old man who had a laminectomy and subtotal excision of a lipomyelomeningocele, received a single dose of haloperidol for post-operative pain and agitation. The patient suffered an acute dystonic

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